die dunkelkammer

Schon in der Anfangszeit, als der Fotograf die Belichtungszeit selbst abmaß, als in der Dunkelkammer der Entwickler penibel angemischt wurde, um bestimmte Effekte zu erzielen, da wurde manipuliert. Tatsächlich ist jedes Foto von A bis Z eine Fälschung. Ein völlig sachliches, unmanipuliertes Foto ist praktisch nicht möglich. Letzten Endes bleibt es allein eine Frage von Maß und Können.

– Edward Steichen (1879-1973)

 

Camera obscura, Darkroom, die dunkle Kammer:

Nachdem das Bild im Primärprozess in seiner ersten Dunkelkammer, der Kam(m)era, entstanden ist und sich latent manifestiert hat, nachdem die eigentliche Photographie nach selektiver Lichtexposition auf den Film geschrieben (oder gemalt?) wurde, betreten wir zum Sekundärprozess erneut eine – diesmal begehbare – Camera obscura: die Dunkelkammer.

 

Erneut benötigt man die Dunkelheit, um das Überangebot von Licht zu kanalisieren und selektiv Lichtarbeit, vielleicht auch Lichtkunst zu betreiben. Der wesentlich gesteigerten Größe der Kammer im Vergleich zur ersten Box entspricht auch eine Fülle an Parametern, Eingriffsmöglichkeiten in diese und Manipulationsgelegenheiten bis hin zu Verfremdung und Effekten. Läßt sich schon bei der Aufnahme vieles steuern und bewußt durch Ausschnitt, Zeit, Blende, Lichtwahl, Schärfe, Filter und Filmmaterial beeinflussen – in der Dunkelkammer gehen die Alternativen ins Grenzenlose.

 

Angefangen bei der Entwicklung des Films, über die Auswahl der Bilder und Ausschnitte beim Kontaktbogen, die Papierart und -größe, Kontrast, Belichtung und Verschleierung, Farbfilterung, Ver- und Entzerrung, bis zu Tonung und Nachbehandlung sowie Präsentationsarten, gibt es eine endlose Palette der Gestaltungsoptionen in allen Schritten der Verarbeitung einer Photographie. Gar nicht zu reden von Effektverfahren im Photolabor mit oder ohne chemischer Rezeptsammlung, die teilweise schon fast ausgestorben sind, seit das digitale Labor jedem risikolose Experimentierspielplätze anbietet.

 

Überhaupt ist die Lichtarbeit in der Dunkelheit, die einst eigener Beruf der Laboranten war, praktisch untergegangen. Kaum ein gefragter Photograph hatte Zeit, seine Bilder auch noch zu verarbeiten. Diese Arbeit – Entwickeln, Auswählen, Reparieren, Vergrößern, Retuschieren oder Nachbearbeiten, schließlich eventuell auch fürs Drucken, Rahmen und Ausstellen Anpassen – wurde von in Kellern und abgedunkelten Winkeln ewig versteckten und weitgehend unbekannten Persönlichkeiten in der Dunkelheit erledigt. Durch sie wurden Meisterwerke zum Leben gerufen und kamen überhaupt erst durch den Weg der Dunkelkammer ans Licht der Welt. So wie ein Komponist seine Partitur abliefert und sich an die nächste Komposition macht, während Instrumentalisten sie zum Erklingen bringen, so hatten Laboranten die Aufgabe, die Kompositionen der Photographen so vorteilhaft wie möglich sichtbar zu machen.

 

Heute, im Zeitalter des Digital Imaging, wird man immer seltener auf jene unsichtbaren Handwerker und Künstler des Lichts in der Dunkelheit treffen, aber gerade deswegen sollte es ein besonderes Anliegen für alle sein, die sich der Photographie verschrieben haben, diese wunderbare, fast magische Arbeit und Kultur von Licht und Schatten kennenzulernen, anzuwenden und weiterzugeben.

 

Bereits nach einigen Stunden der konzentrierten Arbeit in der stillen Dunkelheit stellt sich ein ganz anderer Puls und Rhythmus ein als draußen in der hellen, lauten, schnellen Welt der Displays und ständigen Infogewitter. Man findet zurück zu wesentlichen Dingen – sowohl photographischen als auch persönlichen. Es entwickelt sich nicht nur das Bild im Chemiebad, sondern auch neuer Raum in uns für Ideen und Gedanken. Manchmal öffnen sich entscheidende Perspektiven eben im Stillen und Dunklen, und nicht unbedingt am offenen Nerv der alltäglichen Hektik oder auf lichten Berggipfeln.

 

Am Ende eines produktiven Tages in der Dunkelkammer hält man seine selbsterarbeiteten Werke in den Händen und kann über die weitere Präsentation entscheiden. Ein sehr erfüllender Moment für alle, die Photographie in ihr Herz geschlossen haben.

 

Zu all den Dingen, die wir nicht sehen können, gesellen sich noch die Dinge, die wir nicht sehen wollen, weil wir uns entschieden haben, sie zu ignorieren. [...] Die Blende einer Kamera und die Pupille sind nicht dazu da, Informationen hereinzulassen, sondern dazu, welche auszublenden. Wer je eine Kamera in der Hand hatte weiss, dass zuviel Information einen genauso blind machen kann wie zuwenig. Wenn Sie sich alle neun Sinfonien von Beethoven gleichzeitig anhören wollen, würden Sie nur den Krach hören.

– K.C. Cole (*1946)

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